PROLOGESSAYSÜBERSETZUNGENSATANISCHE LITERATURINFO FÜR DIE MEDIENUNTER ANDEREM

Ex cathedra dixit Satan …
Gibt es so etwas wie Satanische Dogmen? Oder doch wenigstens dogmatischen Satanismus?
Magister Herbert P.
Church of Satan

„Ich weiß nicht, was Du mit dem Wort ‚Ruhm’ meinst“, sagte Alice.
Humpty Dumpty lächelt verächtlich. „Natürlich weißt Du das nicht - bis ich es Dir sage. Ich meinte damit, das ist ein ‚nettes hau-um-Argument’ für Dich.“
„Aber ‚Ruhm’ heißt doch nicht ‚ein nettes hau-um-Argument’“, wandte Alice ein.
„Wenn ich ein Wort gebrauche“, sagte Humpty Dumpty, in einem ziemlich verletzenden Ton, „bedeutet es genau das, was ich damit sage - nicht mehr und nicht weniger.“
„Die Frage ist“, sagte Alice, „ob du Worten so viele Bedeutungen geben kannst.“
„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer der Herr ist - das ist alles.“

Eine intensive Diskussion, die ich zurzeit mit einem jungen Mitglied der Church of Satan führe, befasst sich mit der Frage, kennt Satanismus Dogmen? Der junge Mann, viel versprechende Ansätze zeigend, aber doch noch sehr auf der Suche, bestreitet dies vehement. Interessanterweise konnte ich feststellen, dass ihm an dieser Frage sehr viel liegt. Viel mehr, als das Thema meines Erachtens nach wert ist.

Warum ist das so? Es scheint, dass viele, die sich nach langer frustrierter Zeit im Christentum finden und dem Satanismus zuwenden, doch noch sehr unter den Jahren der Indoktrinierung leiden und sich nur unter größten Seelenqualen von den dort verbreiteten „Wahrheiten“ lösen können. Dieser junge Mann zum Beispiel krallt sich an der Aussage fest, dass Satanismus kein Dogma kennt. Im Internet (die Mächte der Finsternis mögen es unter Qualen dahinraffen) hat er gelesen, dass „jeder, der ‚LaVey folgt’ gar kein richtiger Satanist sein kann, weil Satanismus kein Dogma kennt“.

Dieser Satz, in Kombination mit seinem persönlichen Motto „non serviam“, verfolgt ihn unaufhörlich. Und umso größer war seine Verwirrung, als ich ihm noch sagte, dass ich diesen Sachverhalt eigentlich doch anders sehe. Gibt es also doch satanische Dogmen? Grenzt das nicht schon an satanische Ketzerei? (Allein dieser Begriff erheitert mich ungemein!)

Betrachten wir doch erst einmal sachlich und wertfrei den Begriff „Dogma“. Ein Dogma (griechisch δόγμα, ursprünglich „die Meinung“, „der Lehrsatz“, Plural Dogmen) ist laut dem Lexikon eine Aussage für eine Religion, die von einer Gruppe von Menschen als grundlegend und nicht verhandelbar angesehen wird. Soweit das allgemeine christliche Verständnis dazu. Doch hier setzt bei mir bereits der erste Kritikpunkt an. Wer, zur Hölle, will mich dazu zwingen, diese Definition für mich anzuerkennen? (siehe das Zitat zu Beginn dieses Artikels!) Wer gibt den Christen das Recht, dieses Wort für sich alleingültig mit einer fixen Bedeutung in Beschlag zu nehmen?

Ich nehme mir als Antwort darauf schlicht und ergreifend das Recht heraus, diesen Begriff für mich umzudefinieren. Dogmen sind nach Duden „Lehrmeinungen des Glaubens“. An Lehre per se ist zuerst mal nichts schlechtes, ich kann sie annehmen oder auch nicht. Schlecht sind nur zwangsweise verordnete Lehren, gegen die man sich nicht wehren kann. Außerdem heißt es auch Lehr-„meinungen“, also eigentlich kein Anspruch auf Unfehlbarkeit. Alles, was LaVey gesagt und gelehrt hat, kann man diskutieren und in Frage stellen. Aber das läuft dann unter anderem auch wieder auf eigene Verantwortung hinaus und das gefällt ja vielen wieder nicht. Da müsste man nämlich nicht nur denken, womöglich käme man dann auch noch drauf, dass LaVey ja doch recht hatte …

Abzulehnen ist jedenfalls die christliche Pervertierung dieses Begriffs in der Form von oben verordneter Lehrmeinungen, die die „Gläubigen“ ohne Kritik und Kommentar anzunehmen haben.

Mein junger Diskussionspartner geriet daraufhin erst recht in Verwirrung. Nicht nur darüber, dass ich es wagte, Aussagen LaVeys zur Diskussion zu stellen. „Das hieße dann "non serviam" (das satanische Prinzip) wäre ein Dogma.“ sagte er verzweifelt, und kurz darauf, „Aber das Dogma des Satanismus wäre doch dann "non serviam" oder nicht?“.

Ein erneuter Erklärungsversuch meinerseits: „Man sieht also schon, der Begriff ‚Dogma’ ist durchaus mehrdeutig und keinesfalls unumstritten. Jeder versteht etwas anderes darunter, je nachdem, wie es ihm passt. Warum sich selbst fertigmachen damit, auf den Begriff ‚Dogma’ stets die christliche Deutung anzuwenden? Wo steht geschrieben, dass Christen, Theologen, Ethiker, wer auch immer, ein alleiniges Recht besitzen, diesen Begriff exklusiv zu definieren und für ihre verachtenswerten Lehren in Anspruch zu nehmen? Nichts und niemand hindert einem daran, dem Begriff Dogma eine sinnvolle und akzeptable Deutung zu geben. Wie wäre es zum Beispiel mit "rationale satanische Grundhaltung"? Wäre es dann immer noch ein Problem, dass ‚non serviam’ ein Dogma ist? Oder ‚responsibility to the responsible’?“

LaVey hat etliche satanische Grundhaltungen definiert und ihnen sinnvolle und interessante Definitionen gegeben. Diese nehmen wir uns heraus, frank und frei, als „satanische Dogmen“ zu bezeichnen. Na und? Im Gegensatz zu unseren Pfaffenfreunden schreibt bei uns niemand anderen Satanisten vor, dass sie diese bedingungslos zu glauben hätten und niemals hinterfragen dürfen, „ohne kritische Prüfung, als unwiderlegbare Wahrheit“.

Langsam begann er nun, diesen Gedanken zu akzeptieren. Doch die nächste Falle wartet bereits: „Nun, wenn man ‚non serviam’ ablehnt, dann ist man ja kein Satanist mehr. Aber, jetzt komme ich mehr oder weniger zur Ausgangsfrage zurück: Wer bestimmt das? Und anschließende Frage darauf: Wenn man ‚non serviam’ ablehnt, dann ist man kein Satanist mehr, richtig?“.

Nun, zwei völlig unterschiedliche Punkte etwas unglücklich verknüpft. Der einfachere Teil, wer bestimmt denn so etwas, ist leicht beantwortet: Er für sich, ich für mich, Lars Kronlob für Lars Kronlob, ... Ich denke, die Idee dahinter kommt an.

Die zweite Frage, die ihn auch heftig bewegt, dreht sich um den Punkt, ob „non serviam“ für jeden Satanisten eine notwendige Bedingung ist (mathematisch formuliert). Dieser Punkt schaut zunächst etwas kniffeliger aus. Doch es lässt sich überraschenderweise eine ebenso einfache wie über viele Zweifel erhabene Antwort finden, und zwar bei unserer Hohepriesterin persönlich:

"I agree with the assertion that a Libertarian society would be the best one for Satanists, from a political perspective, but we also have a lot of opinions about the social structure of a Satanic society. Would we be 'free' to enslave ourselves to each other, if that's how we wanted to live? While Libertarianism might rule the land, Satanists may choose to live in tribal settings that are internally very Communistic or Socialistic. For example, I wouldn't mind 'working for the good of others' as long as the 'others' were of my choosing, my tribe of loved ones." (Peggy Nadramia, 1995)

Das also ist des Pudels Kern! (Goethe möge mir diesen Frevel nachsehen.J) Nicht das Dienen als solches ist der Angelpunkt, sondern die damit verbundene Freiwilligkeit oder Unfreiwilligkeit. Und damit landen wir auch schon wieder bei LaVey, im “Pentagonalem Revisionismus“, wo es klipp und klar im 4. Punkt heißt, „buy the master you wish to serve. Freedom of choice to satisfy your most secret desires …“.

Wie stehen also nun Satanismus und im Besonderen die Church of Satan (gibt es denn noch anderswo einen Satanismus, der diesen Namen verdient?) zum Thema Dogma? Für diejenigen, die von dem bisher gesagten etwas verwirrt sind (Diskussionen nehmen eben nun einmal den Verlauf, den sie nehmen, trotz einer gewissen Steuerung), nochmals kurz zusammengefasst:Man lasse sich weder durch vorweggenommene Definitionen irritieren, sondern hinterfrage diese kritisch.

Bei Bedarf steht es jedem frei, Definitionen nach seinen Bedürfnissen umzudefinieren. (Es sei an dieser Stelle aber darauf hingewiesen, dass man, legt man Wert darauf, nicht missverstanden zu werden, diese Neudefinitionen auch kommunizieren muss!)

Satanismus lässt sich in keine vorgefertigten Schemata pressen, sondern ist immer für eine Überraschung gut.Was immer man tut, es muss im vollen Bewusstsein der Tatsachen und der damit verbundenen Gefahren getan werden.

Was immer ich aus freien Stücken tue, ist meine Entscheidung allein!

Man sieht schon, wie vielfach immer wieder festgestellt wird, Satanismus ist viel viel mehr als eine Religion, mehr als „nur“ eine Philosophie, sondern ein komplexes Konglomerat aus diesen beiden und noch so manches darüber hinaus, da bei dieser Verbindung ungeahnte Synergien freigesetzt werden. Aber so und nicht anders soll es sein, im Namen der Schwarzen Flamme der Erkenntnis. Möge sie immer in den Herzen all derer lodern, die ihrer würdig sind!